Geschichte

der Pfarrkirche Mariae Geburt Rottenbuch

Seit über 950 Jahren ist die Pfarrkirche Mariae Geburt das Herz von Rottenbuch. 

Die ehemalige Stiftskirche und heutige Pfarrkirche Mariae Geburt ist das wertvollste Kulturdenkmal Rottenbuchs. Der Glaube unserer Heimat verdichtet sich an diesem Ort, der seit 1000 Jahren weitergetragen wird und selbst die Ereignisse der Säkularisation konnten ihn nicht zum Erlöschen bringen. Die Kirche ist unser Erbe – sowohl das der Rottenbucher als auch aller Gläubigen.

Hier finden sie einen Überblick zu der Geschichte der Pfarrkirche Mariä Geburt in Rottenbuch.

Chronik

Ein Überblick über die wichtigsten Stationen der Geschichte der Pfarrkirche Mariä Geburt in Rottenbuch von ihren Anfängen bis heute. Die Chronik zeigt, wie sich das Gotteshaus über Jahrhunderte entwickelt hat, welche Menschen und Ereignisse es geprägt haben. 

10. Jh.
Mitte des 10. Jahrhunderts
Die Anfänge von „Raitenbuch“

Die Historie der Pfarrkirche Mariae Geburt ist eng mit der des Augustinerchorherrenstiftes Rottenbuch (“Raitenbuch”, abgeleitet von Buchenrodung) verknüpft. Die Gründung von Rottenbuch erfolgte durch die schwäbischen Welfen. „Raitenbuch“ entstand möglicherweise in der Mitte des 10. Jahrhunderts durch die Verlegung des Eticho-Klosters im Ammergau und entwickelte sich zu einer welfischen Siedlung, deren Marienkirche später als „Altenmünster“ bekannt war.

11. Jh.
27. Dezember 1073
Erste urkundliche Erwähnung Rottenbuchs

Erstmals wurde Rottenbuch im Jahr 1073 urkundlich erwähnt. Damals statteten Herzog Welf I. von Bayern und seine zweite Gemahlin Judith von Flandern die kleine klösterliche Rodungssiedlung „Raitenbuch“ mit Gütern aus.

Ende des 11. Jahrhunderts
Rottenbuch als Reform- und Modellkloster

Der Bischof Altmann von Passau verstärkte die Gemeinschaft durch die Aufnahme von Augustiner-Chorherren aus Sankt Nikola. Aufgrund der frühen Umsetzung der gregorianischen Reformen wurde Rottenbuch bald zum Modellkloster. Im Investiturstreit zwischen Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII. stand Rottenbuch fest auf der Seite des Papstes.

1090
Schutz durch Rom – Libertas Romana

Das Chorherrenstift Rottenbuch wurde unter den Schutz Roms gestellt, indem es die „Libertas Romana“ erhielt. Dies geschah, nachdem der welfische Klostergründer zuvor auf seine grundherrlichen Rechte verzichtet hatte.

1102–1114
Ausstrahlung und Gründungen weiterer Chorherrenstifte

Rottenbuch konnte daraufhin weitere Chorherrenstifte gründen und besiedeln:

  • Berchtesgaden (1102)

  • Baumburg (1107)

  • Diessen (1114)

Jakob Mois schreibt hierzu:
„So entstand hier unter welfischem Schutz, im Investiturstreit […] eine Zufluchtsstätte für kirchentreue Bischöfe und Kleriker, und in kurzer Zeit wurde Rottenbuch ‚der Pflanzgarten‘ des neuen Ordens der Augustiner-Chorherren in Süddeutschland mit wachsendem Einfluss darüber hinaus.“

1085 - 1125
Vom Altenmünster zur großen Stiftskirche

Die bestehende Marienkirche – später „Altenmünster“ genannt – bot für die Gottesdienste nicht mehr genügend Raum. Deshalb wurde ein neues „Groß-Münster“ (Monasterium majus) notwendig.

Kurz nach der Gründung des Stifts begann westlich des Altenmünsters der Bau der imposanten Stiftskirche, einer kreuzförmigen Basilika mit freistehendem Glockenturm. Der Bau der romanischen Basilika mit Querschiff wird für den Zeitraum zwischen 1085 und 1125 angenommen. Der Grundriss besteht bis heute fort.

Das Patrozinium der neu erbauten Stiftskirche in Rottenbuch ist erneut Mariä Geburt (8. September), diesmal ergänzt um die Nebenpatrone Petrus und Paulus (Festtag Peter und Paul am 29. Juni).

13. Jh.
1262–1265
Großer Brand und Zerstörung der Stiftskirche

Zwischen 1262 und 1265 kam es zu einem Brand, der Teile der Stiftskirche zerstörte.

1298
Ablass zum Wiederaufbau

Für den Wiederaufbau der beschädigten Stiftskirche gewährte Bischof Landulph von Brixen im Jahr 1298 einen Ablass.

14. Jh.
1322
Erneuter Brand der Kirche

Im Jahr 1322 wurde die Kirche erneut durch einen Brand beschädigt.

nach 1322
Kaiserliche Unterstützung beim Wiederaufbau

Kaiser Ludwig der Bayer unterstützte den Wiederaufbau der Kirche nach der erneuten Brandkatastrophe.

1345
Weihe neuer Altäre

Für das Jahr 1345 ist die Weihe von drei Altären in der Vorhalle der Kirche dokumentiert.

15. Jh.
1419
Einsturz des Kirchturms

Der Kirchturm stürzte im Jahr 1419 ein.

1439
Wiederaufbau des Kirchturms

Der eingestürzte Kirchturm wurde 1439 unter Propst Georg Neumayr (1431–1472) wiederaufgebaut.

1431–1472
Renovierung von Chor und Querschiffskapellen

Während der Amtszeit von Propst Georg Neumayr renovierte ein Baumeister namens Meister Hansen den Chor und die Querschiffskapellen. Teile der romanischen Kirche wurden integriert und mit Kreuzrippengewölben versehen.

1477
Neubau des Langhauses

Das Langhaus wurde 1477 unter Verwendung des bestehenden Baumaterials neu errichtet.

um 1480
Entstehung der Muttergottesfigur

Die Muttergottesfigur des spätgotischen Hochaltars, ein Werk des Meisters der Blutenburger Apostel von 1480, entstand. Sie ist bis heute erhalten und wird als Gnadenbild verehrt.

18. Jh.
1700–1740
Pröpstliche Leitung von Patritius Oswald

Unter Propst Patritius Oswald begannen die vorbereitenden Arbeiten für die Rokoko-Umgestaltung.

1740–1770
Pröpstliche Leitung von Clemens Prasser

Propst Clemens Prasser setzte die Arbeiten an der Pfarrkirche fort. Die Arbeiten erfolgten nach dem Motto:
„Wenn Kunst für das Volk, dann auch Künstler aus dem Volk!“

1712/1713
Kirchengestühl und Beichtstühle

Die ersten Arbeiten im Innenraum begannen mit dem Einbau des neuen Kirchengestühls und der Beichtstühle.

1716
Stephanusaltar

Aufstellung des hochbarocken Stephanusaltars.

28.03.1737
Beginn der Neugestaltung

Offizieller Beginn der Arbeiten zur umfassenden Umgestaltung der Stiftskirche.

1739
Fertigstellung von Chor und Querschiff

Der Chor und das Querschiff wurden abgeschlossen.

03.09.1740
Tod Propst Patritius Oswald

Propst Patritius Oswald starb, sein Nachfolger Clemens Prasser setzte die Arbeiten fort.

1741
Beginn der Arbeiten am Langhaus

Die Umgestaltung des Langhauses begann im Sommer 1741. Die Gesamtkosten für die Umbaumaßnahmen der Pfarrkirche in den Jahren 1741 bis 1757 betrugen 15.288 fl. Diese Kosten wurden ausschließlich vom Kloster getragen, das bis an die Grenze seiner finanziellen Belastbarkeit ging, ohne von den Hofmarksuntertanen eine zusätzliche Abgabe oder gar Frondienste zu verlangen.

1743
Kanzel

Die neue Kanzel wurde fertiggestellt.

1744
Stuck und Fresken im Langhaus

Die Stuck- und Freskenarbeiten im Langhaus wurden abgeschlossen, inklusive der Bekrönung über dem Chorgestühl.

1745
Taufstein und sechs Seitenaltäre

Der Taufstein mit Rokokogitter sowie sechs Seitenaltäre wurden fertiggestellt.

1746–1748
Orgel und Chororgel

Die Orgel und die Chororgel in der Vierung wurden errichtet. Verantwortlich war Balthasar Freywiß aus Aitrang.

1749–1752
Hochaltar

Fertigstellung des Hochaltars. Bildhauerarbeiten stammen von Franz Xaver Schmädl aus Weilheim, die Steinmetzarbeiten vom Anton Sturm aus Füssen.

1758
Johannesaltar

Aufstellung des Johannesaltars im südlichen Querschiffarm

1777
Neue Vorhalle mit Katharinenkapelle

Errichtung der neuen Vorhalle inklusive Katharinenkapelle.

19. Jh.
1803
Säkularisation

Im Jahr 1803 verlor die Stiftskirche im Zuge der Säkularisation ihre Position als Klosterkirche mit der Aufhebung des Augustinerchorherrenstiftes. Gemäß dem Wunsch des Aufhebungskommissars sollte sie abgerissen werden, doch die Bevölkerung von Rottenbuch und die ehemaligen Chorherren unter der Führung von Propst Herkulan Schwaiger (1798–1803) setzten sich erfolgreich dafür ein, diese Zerstörung zu verhindern.

23. Oktober 1803
Rettung der Kirche

Am 23. Oktober 1803 wurde per höchstem Reskript entschieden, dass die Kirche aufgrund ihrer hervorragenden Bauweise zur Pfarrkirche werden sollte. Dennoch versuchte der Aufhebungskommissar, die Seitenschiffe abzureißen und nur das Mittelschiff stehen zu lassen. Der kostbare Silberschatz der Kirche war bereits in den Jahren 1797 bis 1801 konfisziert und abtransportiert worden. Nach dem 28. März 1803 versteigerte die Aufhebungskommission wertvolle Kirchenschätze wie Kreuze, Kelche, Monstranzen, Reliquienbehälter und prächtige Ornate vor Ort zu niedrigen Preisen oder ließ sie nach München bringen. Geistliche aus Tirol erwarben die hochverehrten Reliquien des Hochaltars und der Seitenaltäre für ihre eigenen Kirchen.

20. Jh.
1936
Gottesurteil in Rottenbuch

1936 erschien erstmals die Erzählung ‚Das Gottesurteil in Rottenbuch‘ von Gabriele Ruf. Sie schildert dramatisch, wie die junge Theres Breitenmoserin einem vermeintlichen Vergehen angeklagt wurde und durch ein göttliches Zeichen gerettet wurde.

1961–1963
Restaurierung des Innen- und Außenbereichs

Restaurierung des Innenraums und der Ausstattung unter Anweisung des Landesamtes, durchgeführt vom Kirchenmaler H. Mayrhofer und dem Kunstmaler A. Dasser. Die Fresken wurden gereinigt und restauriert.

21. Jh.
Ab 2021
Restaurierung der Orgel

Die Freywiß-Orgel der Kirche wurde von der Firma Johannes Klais Orgelbau in den Zustand von 1783 zurückversetzt, gestartet wurde damit in 2021.

Pfingsten 2022
Feierliche Einweihung der Orgel

Die Orgel wurde durch Nikola Eterović, den Apostolischen Nuntius in Deutschland, feierlich eingeweiht.

Oktober 2023
Feierliche Einweihung des Altars

Die Orgel wurde durch Nikola Eterović, den Apostolischen Nuntius in Deutschland, feierlich eingeweiht.

27. Dezember 2023
950-Jahr-Feier des Stiftes

Die Pfarrei und die Gemeinde Rottenbuch feierten den 950. Jahrestag der Gründung des Klosters. Zum Auftakt fand ein Pontifikalgottesdienst in der ehemaligen Stiftskirche statt, zelebriert von S. E. Weihbischof Rupert Graf zu Stolberg. Musikalisch wurde der Gottesdienst durch den Kirchenchor und das Orchester unter der Leitung von Kapellmeister Florian Löffler gestaltet, die die Pastoralmesse von Karl Kempter aufführten.

Unsere alten Dome und Klosterkirchen sind nicht nur Geschichtsdenkmäler und Kunstsammlungen, sondern vor allem Zeugen christlichen Glaubens und Betens. Die Menschen, von denen sie einst gebaut und geschmückt wurden, sind zwar schon längst in das große Schweigen eingegangen; doch diese Steine und Bilder reden noch durch Jahrhunderte weiter.

- Jakob MoiS

Die Stiftskirche Rottenbuch, München 2000

DAs Gottesurteil in rottenbuch

Vor vielen Jahren geschah in Rottenbuch etwas, das die Menschen des Dorfes lange beschäftigte. Eine Geschichte der Pfarrkirche Mariä Geburt in Rottenbuch von Glauben, Mut und geheimnisvollen Ereignissen. Das ‚Gottesurteil in Rottenbuch‘ erzählt, wie die Dorfbewohner damals miteinander und mit dem Himmel verbunden waren. Blättern Sie sich langsam durch die Seiten und lesen Sie, wie sich die Ereignisse damals entfaltet haben.

950 Jahre Stift Rottenbuch

Festvortrag von Historiker Dr. Johann Pörnbacher

950 Jahre ist ein bedeutender Zeitpunkt in der Geschichte der Pfarrkirche Mariä Geburt Rottenbuch. 

Kirchtürme sind Landmarken in Städten und Dörfern. Nähert man sich von Norden her Rottenbuch, sieht man von weitem die markante Zwiebelhaube auf dem 67 Meter hohen Turm, dessen 9 Meter breite Basis mit dem Tuffsockel in die Romanik zurückgeht. Hier zeigt sich: Eine wichtige Kirche und ein bedeutendes geistliches Zentrum prägen diesen Ort.

Historische Bedeutung des 950-jährigen Jubiläums

Am Mittwoch, 27. Dezember 2023, feierten die Pfarrei und die Gemeinde Rottenbuch den 950. Jahrestag der Gründung des ehemaligen Augustiner-Chorherrenstiftes. Dieser Tag hat für den Ort eine herausragende historische Bedeutung: Am 27. Dezember 1073 wurde das Kloster Rottenbuch erstmals urkundlich erwähnt, als die Besitzungen von „Bebingoe“ an das Kloster „Raitenbuech“ geschenkt wurden.

Festgottesdienst mit Pontifikalfeier

Aus diesem Anlass wurde am Abend des 27. Dezembers ein Pontifikalgottesdienst mit S. E. Weihbischof Rupert Graf zu Stolberg zur Erinnerung an den Gründungstag des Augustiner-Chorherrenstiftes in der ehemaligen Stiftskirche gefeiert. Der Kirchenchor und das Orchester unter der Leitung von Kapellmeister Florian Löffler gestalteten den Gottesdienst musikalisch mit der Pastoralmesse von Karl Kempter.

An diesem Tag feiert die Kirche auch das Fest des Apostels und Evangelisten Hl. Johannes. Traditionell wird an diesem Tag der mitgebrachte Johanniswein gesegnet. Nach dem Festgottesdienst luden die Gemeinde und die Pfarrei in den Rathaussaal ein, wo der renommierte Historiker Dr. Johann Pörnbacher von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften einen Festvortrag mit dem Titel „Vom romanischen Tympanon zum Renaissancefries – Rottenbuch seit seiner Gründung bis in die frühe Neuzeit“ hielt.

Der Vortrag zum Nachschauen

Das Transkript des Vortrages

Für alle, die den Vortrag noch einmal in Ruhe nachlesen möchten, ist im Folgenden das vollständige Transkript des Vortrages „Vom romanischen Tympanon zum Renaissancefries – Rottenbuch seit seiner Gründung bis in die frühe Neuzeit“ in aller Ausführlichkeit wiedergegeben. Lesen und lernen Sie alles zur Geschichte der Pfarrkirche Mariä Geburt Rottenbuch. 

Kirchtürme sind Landmarken in Städten und Dörfern. Nähert man sich von Norden her Rottenbuch, sieht man von weitem die markante Zwiebelhaube auf dem 67 Meter hohen Turm, dessen 9 Meter breite Basis mit dem Tuffsockel in die Romanik zurückgeht. Hier sieht man: eine wichtige Kirche, ein bedeutendes geistliches Zentrum steht hier.

Anfänge Augustinerchorherrenstift Rottenbuch

Damit sind wir bei den Anfängen des einstigen Augustinerchorherrenstifts, das heute vor 950 Jahren am 27. Dezember 1073 gegründet wurde. Bei der Urkunde handelt es sich um die Erstnennung von Ort und Kloster, die beide weiter zurückreichen. Immerhin existierten 1073 schon 31 Gehöfte und eine Kirche mit Marienpatrozinium. Aber die rauhe Gegend war lange nicht besiedeltes Welfengebiet, während Peiting als Siedlung bereits in der Bronze- und Römerzeit belegt ist. Heute werfen wir einen Blick auf die geschichtlichen Begebenheiten Rottenbuchs, die nicht belanglose Regionalgeschichte sind, sondern über die Jahrhunderte eine große Rolle spielten. Die Chorherren befanden sich in regem Austausch mit Kaisern, Päpsten, Königen und Herzögen, darunter eine Reihe klangvoller Namen.

Gut 120 Jahre vor der eigentlichen Gründung des Klosters entstand um 950 die Zelle Raitenpuch durch den Welfen Eticho. 1070 wohnten Eremiten in Rottenbuch, die mit der seligen Herluka von Epfach in Verbindung standen, und die einsetzende Kirchenreform unterstützten. Rottenbuch war ein Zentrum für den richtigen Weg der Kirche. Allerdings erlebte das Kloster auch Zeiten des Niedergangs. Über die Rolle Rottenbuchs in der Kirchenreform des 11. und 12. Jahrhunderts hat Jakob Mois 1953 eine bahnbrechende Studie zur Ordensgeschichte der Augustinerchorherren verfaßt.

Welfen und Reform

Mit den Schenkungen Herzog Welfs IV. (1030/40-1101) und seiner Gemahlin Judith wurde aus der Eremitenzelle ein Stift für Kleriker nach der Regel des heiligen Augustinus. Früh treten wichtige Personen in Beziehung zu dem jungen Kloster, so Bischof Altmann von Passau (1065-1091), ein Freund der Reformpäpste Alexander II. (1010-1073) und Gregor VII. (1025-1088), Verfechter einer von Käuflichkeit und Sittenverfall befreiten Kirche. Gemeinsames Leben und Verzicht auf Privateigentum nach den Weisungen Papst Gregors VII. sollte nicht nur für Mönche, sondern auch für Kleriker von Dom- und Stiftskirchen gelten.

Doch Bischof Altmann stieß in seiner Diözese bei Priesterschaft und Adel, der an seinem Eigenkirchenrecht festhielt, auf Widerstand. Deshalb erachtete er es für notwendig, daß im Einflußbereich des Baiernherzogs Welfs I. ein Stützpunkt kirchlicher Erneuerung geschaffen werde. In seiner Abgeschiedenheit und im Schutz der Welfenburg Peiting schien Rottenbuch dafür geeignet. Wenig später brach der Investiturstreit, der offene Kampf zwischen Papst Gregor VII. und der deutschen Reichskirche unter Kaiser Heinrich IV. um das Recht der Bischofsernennung aus. Altmann von Passau und weitere papsttreue Bischöfe wurden aus ihren Diözesen vertrieben und fanden in Rottenbuch Zuflucht. Stiftsdekan Manegold von Lautenbach unterstützte sie, auch die fromme Herzogin Judith kümmerte sich um den Ausbau Rottenbuchs. Zum Zeichen der Kirchentreue übereigneten Welf und Judith das Stift dem heiligen Petrus, und Papst Urban II. nahm es 1090 und 1092 unter seinen Schutz.

Kirchliche Entwicklung

Rottenbuch selbst gründete neue Chorherrenstifte, etwa Berchtesgaden 1102 und Baumburg 1105, Rolduc in den Niederlanden 1112 und Dießen am Ammersee 1114. Die Klöster Dietramszell, Beuerberg und Bernried gehörten zum Rottenbucher Reformkreis. Stiftsdekan Manegold von Lautenbach wurde Propst im elsässischen Marbach. In Europa war Rottenbuch mit den Reformklöstern St. Rufus in Avignon, San Frediano in Lucca sowie mit dem Lateranstift in Rom verbrüdert. Rottenbuch stand ebenfalls mit den Benediktinerabteien Hirsau, St. Blasien und Schaffhausen in Verbindung. Die theologische Diskussion bestimmte Gerhoh von Reichersberg, der aus Polling stammte, an der Domschule in Augsburg unterrichtete und 1120 nach Rottenbuch flüchtete, wo er, überzeugt von dem funktionierenden Gemeinschaftsleben, 1124 eintrat.

Verhältnis zum Bistum und kulturelles Erbe

In den ersten Jahrzehnten seines Bestehens war Rottenbuchs Verhältnis zum eigenen Bistum distanziert, weil die Bischöfe Anhänger des Kaisers und der Gegenpäpste waren. Erst der reformorientierte Bischof Otto I. von Freising (1138-1158), ein Zisterzienser, würdigte die Rottenbucher Anstrengungen und erhob Propst Rudolf zum Archidiakon im Ammergau und im Werdenfels bis Mittenwald, ein Amt mit besonderer seelsorgerlicher Aufsicht. Von den seltenen erhaltenen Stücken aus dieser Zeit sehen Sie die aufwendige Elfenbeinschnitzerei eines Evangeliars (Bild 2 Elfenbeindeckel) und eine Miniatur eines Lektionars (Bild 3 Initiale) mit der Inschrift „Liber generationis Jesu Christi filii David“ – ‚Stammbaum Jesu Christi, des Sohnes David, des Sohnes Abraham‘. Aus Anlass des Jubiläums hat die Bayerische Staatsbibliothek, wo die beiden Manuskripte aufbewahrt werden, kostenlos ein Digitalisat zur Verfügung gestellt. Dafür sei hier Herrn Dr. Wolfgang Ikas von der Handschriftenabteilung gedankt, der dies ermöglicht und veranlaßt hat.

Wertvollstes Kunstdenkmal aus der Frühzeit Rottenbuchs ist die Stiftskirche mit der noch sichtbaren romanischen Form der kreuzförmigen Anlage (Bild 4 Stiftskirche von oben), dem Tuffmauerwerk des Querschiffs, den Mauern der Seitenschiffe, der Westwand des Mittelschiffs und dem bereits erwähnten Sockel des freistehenden Glockenturms. Das neue Münster, eine dreischiffige Basilika mit Querschiff und östlichen Nebenchören, das der Gottesmutter geweiht wurde, entstand zwischen 1088 und 1125. Von den romanischen Bauteilen weiß man durch eine Vermessung und Beschreibung des Landesdenkmalamtes aus dem Jahr 1962. Von den Spuren des gemalten Tympanons am Innenportal erschließt sich (Bild 5 Welfengenealogie), daß eine Vorhalle mit den heutigen Ausmaßen bereits am romanischen Bau existierte, wie wir es auf dem Bild mit Welf I. sehen. Als Klosterkirche diente das sogenannte Altenmünster bis zur Säkularisation im Jahre 1803.

Welfen und überregionale Bedeutung

Anders als etwa Steingaden mit seiner engen Bindung an die Welfen, war Rottenbuch kein Hauskloster dieser Familie. Natürlich bedeutete die schützende Hand der Welfen und deren Güterschenkungen viel, aber in gewisser Weise hatte das Kloster überregionale Bedeutung. Durch die Verbindung mit Bischof Altmann von Passau und der Widmung des Klosters an den Heiligen Petrus in Rom erreichte Rottenbuch eine führende Stellung in der Kirchenreform. Die Gründerfamilie, beginnend mit Welf IV. (+ 1101), dann Welf V. (+ 1120), Heinrich dem Schwarzen (+1126), und Heinrich dem Stolzen (+ 1139) dotierten Rottenbuch mit Besitzungen in Südtirol und im Schwäbischen bis Mindelheim und Kaufbeuren. Die Hofmark umfaßte Rottenbuch, Böbing, Schönberg und Wildsteig.

Welf VI. und die Schirmherrschaft

Welf VI. hat wenig für Rottenbuch getan, ihm lag die 1147 von ihm gegründete Prämonstratenserabtei Steingaden mehr am Herzen, ähnlich wie das von ihm 1168 in Memmingen gegründete Schottenkloster. Den Ammergau schenkte er 1179 dem Stift Kempten. Aber Welf VI. war doch Schirmherr von Stift Rottenbuch und bediente sich der Unterstützung des Propstes Otto (1147-1183) aus dem Geschlecht der Grafen Neuburg-Falkenstein: er sollte ihn nach Italien begleiten und ihn bei Papst Alexander III. im 1159 mit Kaiser Friedrich Barbarossa ausbrechenden Kirchenstreit unterstützen. Wieder große Namen! Papst Alexander hatte Zutrauen zu dem Rottenbucher Propst und übertrug ihm Vollmachten für die Beendigung des Schismas. Auch Patriarch Udalrich II. von Aquileja, ein Verwandter, rief Otto zu sich und übertrug ihm die Propstei Erbendorf in Kärnten.

Rückkehr des Propstes und Machtwechsel zu den Staufern

Die lange Abwesenheit ihres Propstes mißfiel den Chorherren in Rottenbuch, und auch bei Welf VI. fiel Otto in Ungnade. Nach dem Frieden von Venedig 1177 konnte er nach Rottenbuch zurückkehren, wo er am 6. März 1182 starb. Mit dem Tod Welfs VI. 1191 und dem Aussterben des süddeutschen Zweiges der Welfen trat Friedrich Barbarossa (1122-1190) aus dem Haus der Staufer als neuer Herr auf den Plan. Das Ammer-Lech-Gebiet besaß er seit dem Kauf 1179. Er hatte nun die Schutzvogtei über Rottenbuch und Steingaden inne. Der große Friedrich II. (1194-1250) stellte am 27. März 1222 im italienischen Venafro eine Bestätigungsurkunde für Propst Wittego II. aus. Die Schutzvogtei übertrug Friedrich seinem Sohn Heinrich VII. (1211-1242) beziehungsweise dessen Ratgeber Bischof Siegfried von Augsburg.

Verwaltung, Rodung und Pfarrzehnten

Im konkreten Fall kümmerten sich Amtleute der staufischen Verwaltungen in Kaufbeuren und Steingaden um die Rottenbucher Angelegenheiten. 1224 wurden sowohl Rottenbuch wie Steingaden wegen zu ungestümer Rodungstätigkeit zurechtgewiesen. Weitere Neubrüche wurden verboten. Rottenbuch brauchte Pfarrzehnten aus fruchtbaren Gegenden. Im 12. Jahrhundert bekam das Stift die Pfarreien Oberauerbach bei Mindelheim, Schwabmühlhausen, Gräfelfing, Unfriedshausen sowie St. Lorenz in Schongau, die Papst Honorius unter den Schutz des heiligen Petrus stellte.

Besitz, Patronatsrechte und päpstliche Unterstützung

In das Jahr 1244 fällt der Erwerb der Güter in Schwifting bei Landsberg sowie das Patronatsrecht der Pfarrkirche. Schwigger II. von Mindelberg übergab in Gegenwart König Konrads IV. Propst Wittego das Patronatsrecht und den Maierhof zu Egelhofen bei Mindelheim. Obwohl von den Staufern abhängig, konnte Rottenbuch in dem Streit zwischen Kaiser und Papst die Gunst Innozenz IV. (1243-1254) gewinnen, der 1249 trotz des Interdikts die Erlaubnis zum Gottesdienst erteilte. Dieser Papst beauftragte Propst Anno mit Missionen, wie 1253 mit den Klöstern Polling und Steingaden zu einer Schlichtung in dem Streit Bischof Konrads I. von Freising mit Herzog Otto II. von Baiern.

Konflikte, Fehden und Schenkungen

Die Zeiten waren bewegt. Die Regierung von Propst Konrad I. mit Schenkungen befreundeter Adelsfamilien war ein enormer Zugewinn für das Kloster. Aber auch der einfache Bauer galt etwas und konnte seine Neubrüche für sich nützen. Allerdings störten adelige Herren mit ihren Fehden. Gebhard von Tölz etwa, ein Stiefbruder Bischof Konrads I. von Freising brannte Güter des Klosters in Peißenberg nieder. Als Ersatz übergab er am 5. Mai 1259 einen Hof in Garmisch an Rottenbuch.

Konradin, Privilegien und Ende einer Epoche

Ein feierlicher Tag war der 21. April 1263, als sich der Staufer Konradin in Rottenbuch aufhielt und nach dem Beispiel seines Großvaters Friedrichs II. ein Schutzprivileg für die Chorherren ausstellte. Propst Konrad wurde eine hohe Ehre zuteil, weil er in der Urkunde als Hofkaplan bezeichnet wurde. Auch Graf Meinhard II. von Görz, der Konradins verwitwete Mutter Elisabeth geheiratet hatte, schreibt in einer Urkunde über die Schenkung eines Weinhofs in Lana von Propst Konrad als „unserem lieben Kaplan“. Desweiteren wird die eigene Gerichtsbarkeit des Stifts bestätigt, die die gesamte Hofmark einschließt. Außerdem wird verfügt, daß Rottenbuch auch mit königlichen Lehen beschenkt werden darf.

Schließlich erwähnt ein weiteres Diplom Konradins Neubrüche, Zeichen einer Rodungstätigkeit. Das gut ausgestattete Rottenbuch traf 1264/65 eine verheerende Brandkatastrophe. Am 30. Oktober 1266 starb Propst Konrad I. eines natürlichen Todes. Sein Namensvetter staufischen Geschlechts, der bedauernswerte Konradin, wurde 1268 auf dem Marktplatz in Neapel enthauptet. Eine Ära war zu Ende und eine kaiserlose Zeit brach an, die auch an Rottenbuch nicht spurlos vorüberging. Turbulente Jahrzehnte standen bevor.

Übergang zu den Wittelsbachern

Nach Welfen und Staufern hatte es das Chorherrenstift mit den Wittelsbachern als neuen Landesherrn zu tun. Das sollte so bis zum Ende des Klosters 1803 bleiben. Nach Konradins Tod stritten die Wittelsbacher Brüder Heinrich VIII. und Ludwig II. um das Hohenstaufererbe im Ammer-Lech-Gebiet, aber Rottenbuch und Steingaden beharrten auf den Privilegien der Reichsvogtei, in einer Zeit ohne Reichsoberhaupt freilich ohne Wirkung. Erst König Rudolf von Habsburg bestätigte bei seinem Regierungsantritt 1274 alle Privilegien Kaiser Friedrichs II. Der Schutz Rottenbuchs wurde wieder dem Amtmann von Kaufbeuren übertragen.

Innere Probleme im Kloster

Aber das Kloster verfiel in seinem inneren Gefüge. Propst Wernher (1277-1288) verschleuderte klösterlichen Besitz und machte Schulden. Auch die Chorherren suchten Wege eigener Versorgung, was der Disziplin schadete. Der fähige Propst Ulrich II. Peutinger aus der berühmten Augsburger Familie hatte Mühe, die geistliche Ordnung wiederherzustellen. Das gelang mit Hilfe Bischof Emichos aus Freising, der als Anerkennung 1298 die Inkorporation der Pfarrei Oberammergau genehmigte. Schon zuvor hatte der Abt des Stiftes Kempten, Konrad von Gundelfingen, 1295 um 70 Pfund Augsburger Münze Patronatsrecht und Stiftungsgüter der Kirche in Ammergau an Rottenbuch verkauft. Das Freisinger Domkapitel hatte zugestimmt.

Besitzentwicklungen und kirchliche Veränderungen

Im Jahr 1300 übergab Bischof Wolfhard von Augsburg dem Kloster Rottenbuch die Pfarrei Schwabmühlhausen und inkorporierte dem Stift die Pfarrei Schwifting, deren Patronatsrechte Rottenbuch bereits besaß. Im Gegenzug erhielt das Domkapitel die Kirche von Ludenhausen, die Rottenbuch seit 1124 betreut hatte. Durch Steigerung der Einkünfte war die Wiederherstellung der Sitftskirche möglich. Zur gleichen Zeit löste sich das in Rottenbuch existierende Frauenkloster wegen ärmlicher Verhältnisse auf; mit ihren Mitschwestern aus Steingaden und Polling wurden sie Benediktinerinnen in Benediktbeuern.

Krisen, Kriege und Reichspolitik

Rückschläge blieben auch für die Chorherren nicht aus. In der Auseinandersetzung Ludwigs des Bayern mit Friedrich dem Schönen von Österreich wurden in den Jahren 1315 und 1319 Güter in Mindelheim und Landsberg schwer geschädigt. Ein großer Brand 1322, der zweite in der Geschichte des Klosters, brachte das Stift schier an den Abgrund. Auf die Bitte Propst Konrads II. um Hilfe stellte Ludwig der Bayer 14 Urkunden für Rottenbuch aus. 1326 bestätigte der Kaiser die Privilegien Konradins und definierte die Niedergerichtsbarkeit. Damit wurde Rottenbuch landsässig und verlor seinen Status der Reichsunmittelbarkeit, der ohnehin nicht mehr viel bedeutete.

In einer Weisung vom 25. Februar 1329 an Pfalzgraf Rudolf von Kaiser Ludwig, der sich in Pisa aufhielt, befreite er Rottenbuch für drei Jahre von allen Steuern. Pfalzgraf Rudolf bestätigte Ludwigs Handveste und sicherte dem Kloster seinen Schutz zu. Dieses wurde seinerseits gegenüber den Untertanen zur Ordnung gerufen, indem am 27. Dezember 1329 ein Pfändungsverbot erging. Den Untertanen wiederum wurde 1331 die Landflucht verboten, was den Wegzug nach Schongau ausschloß. 1339 erfolgte eine Erneuerung dieses Befehls.

Beziehungen zu Tirol und wirtschaftliche Stabilität

Die überregionale Bedeutung Rottenbuchs zeigte sich auch durch gute Beziehungen zu den Tiroler Landesfürsten. Im Jahre 1330 bestätigte Heinrich von Görz-Tirol, Herzog von Kärnten, die Privilegien Meinhards II., des Stiefvaters Konradins, und gewährte Zollfreiheit für die Weintransporte des Klosters, weil dort Gastfreundschaft gewährt werde und geistliches Leben blühe. Die kostbare Fracht aus den Weingütern in Haslach bei Bozen, Lana und Tscherms erfolgte mit 98 Rossen; entsprechend zahlreich muß man sich die Fuhrwerke vorstellen. Zum Dank feierten die Chorherren jeden 19. Dezember einen Gedenkgottesdienst für die Mitglieder des Hauses Österreich. Aber auch das Andenken an Kaiser Ludwig den Baiern wurde in Rottenbuch hochgehalten.

Wiederaufbau und religiöse Entwicklung

Das 14. Jahrhundert hatte mit ihm erfolgreich begonnen und ging gut weiter: die Pröpste Heinrich II. (1326-1336), Konrad III. (1336-1339) und Ulrich III. Sternheim (1339-1350) packten tatkräftig an. Das 1322 durch Feuer zerstörte Kloster wurde wieder aufgebaut. Seit Ende des 13. Jahrhunderts wurden in Rottenbuch die Märtyrer Primus und Felician verehrt, die 1299 neben Maria, Petrus und Paulus Patrone des Klosters sind. Propst Ulrich III. Sternheim erbaute auch das Hospital neu, dessen Kapelle 1345 dem Hl. Geist und dem Heiligen Vitus geweiht wurde.

Veränderungen im Pfarrbereich

Veränderungen gab es im Ammergauer Pfarrbereich: Ettal wurde 1343 ein eigener Sprengel, Kohlgrub erhielt 1356 eine Wochenmesse, die ein Rottenbucher Chorherr versah. Das geschah auch in dem nach Ammergau gehörenden Bayersoien.

Konflikte und Niedergangstendenzen

Die Jahrhundertwende brachte für Rottenbuch neue Unruhe: der Krieg der Herzöge Stephan II. und Friedrich gegen Augsburg 1372/73 sorgte für großen Schaden im ganzen Umland, so auch in den nach Rottenbuch gehörenden Pfarreien. 1388 brannte Schwabmühlhausen vollständig nieder. Aber auch in der Hofmark kam es zum Streit. Die Bauern beschwerten sich bei Herzog Johann über Propst Heinrich III. Meilinger, der sie mit Abgaben überforderte. 1393 ermahnte die herzogliche Verwaltung den Propst, 1403 erging ein Appell an die Bauern. Ursachen der Zwiestigkeiten waren soziale Spannungen.

Dahinter stand die Lockerung der Bindung der Lehensleute an das Kloster, die ihre Güter nur freistiftsweise hatten, während in Ammergau und Peiting Kaiser Ludwig IV. das Erbrecht eingeführt hatte. Die Hussitenkriege (1420 – 1437) sorgten für Verwirrung, dazu kamen zwiespältige Propstwahlen im Kloster, Fehden Adeliger mit dem Kloster und Raubzüge Krimineller. 1413 überfielen 1.400 Tiroler die Hofmark, plünderten und brandschatzten. Als am Abend des 13. Juli 1417 der Turm, sozusagen der Leuchtturm des geistigen Gebäudes in sich zusammenstürzte, schien Rottenbuch am Ende.

Reformbewegungen und Anschluss an Indersdorf

Ecclesia semper reformanda wurde am Ende des Mittelalters und der frühen Neuzeit ein bestimmendes Thema. Reformanstöße aus dem Stift Raudnitz in Böhmen gelangten über Neunkirchen und Langenzenn in Franken nach Kloster Indersdorf bei Dachau. Die Münchner Herzöge Wilhelm III. und Albrecht III. machten Indersdorf zum Musterkloster. 1419 verbrüderte sich Rottenbuch mit Indersdorf, 1426 übernahm es dessen Statuten. Erfreulich für Rottenbuch war die Inkorporation der Pfarreien Steindorf und Oberigling bei Landsberg in das Stift.

Reform unter Propst Georg Neumair

Eine besondere Förderung des guten Klostergeistes fand unter Propst Georg Neumair (1431-1472) statt. Er führte das Stift zu neuer Blüte. Propst Neumair hatte den Gesamtblick auf die Kirche, wenn er die vom Konzil von Basel erhobene Forderung der Reform der Kirche an Haupt und Gliedern 1431 umzusetzen gedachte. Unter dem Protektorat Herzog Wilhelms III. und des Freisinger Generalvikars Johannes Grünwalder verfolgte er dieses Postulat. Das Konzil hatte weniger Erfolg, weil es an den Häuptern fehlte. Propst Georg Neumair wurde für seine Bemühungen vom Konzil mit dem Recht der Inful, also dem Tragen der Mitra, 1442, und des Stabes 1446 ausgezeichnet. In zeitgenössischen Urkunden ist die Rede von besonderer Zuneigung Herzog Albrechts III. für Rottenbuch wegen seiner herausragenden Stellung, des Besuches vieler Gläubiger und eines vorbildlichen geistlichen Lebens nach der Ordensregel des heiligen Augustinus. Im Jahr 1449 schloß Rottenbuch mit 22 Klöstern Gebetsverbrüderungen; später folgten weitere. Eine hervorragende Schreibstube sorgte auch für einen entsprechenden Buchbestand in der Bibliothek: mit Bartholomäus Textor und Caspar Bränz hatte das Kloster begabte Kalligraphen. Der Chorherr Anselm Mannhardt, der im 18. Jahrhundert gelebt hat, erwähnt zwei schöne Meßbücher aus dem Jahr 1440.

Bedrohungen und Gewalt im Umfeld

Im 15. Jahrhundert kam es immer wieder zu Bedrohungen von außen. So wütete im Ammergau die Räuberbande Peck und Posser. Am 30. November 1451 wurde der Rottenbucher Pfarrvikar Johannes Kolb in Oberammergau ermordet, sein Nachfolger Erasmus beraubt und geschlagen. Bei Wurmansau starben drei Pilger eines gewaltsamen Todes. Aus den Quellen wissen wir, daß Caspar Geyger im Rottenbucher Klosterhof von Räubern ermordet wurde. 1469/70 schaltete sich noch einmal das Münchner Hofgericht in die Auseinandersetzung des Klosters mit den Untertanen ein.

Bauliche Entwicklung und spätgotischer Umbau

Zurück zu Erfreulicherem. Propst Georg mühte sich sehr um die Wirtschaft des Klosters und baute viel, was ein strenges Haushalten erforderte. Der 1417 zerstörte Turm wurde 1439 über dem alten wuchtigen Sockel errichtet. Eine Inschrift über dem Zugang zum Turm hat dieses denkwürdige Ereignis bis heute festgehalten: „Anno millesimo quattrocentesimo trigintanovesima edificata est hec turris per venerabilem patrem georium newmair prepositum huius cenobii“ – ‚Im Jahre des Herrn 1439 ist dieser Turm erbaut worden durch den ehrwürdigen Vater und Herrn Georg Neumair, Propst dieses Klosters‘.

Entstanden ist auch der Westflügel des Konventgebäudes mit der Prälatur und dem Maierhof mit der Zahl 1455 am Türbogen. Die Spitzbogen am Turm und am Maierhof zeigen bereits den Wandel an, wir sind in der späten Gotik angekommen. In diesem Stil wurde auch die romanische Stiftskirche umgebaut, die durch zwei Brände in Mitleidenschaft gezogen worden war. Meister Hansen ließ die alte Anlage mit Tuffmauern des Querhauses und der Seitenschiffe bestehen, aber der lichte Chor und das hohe Gewölbe zeigten klar die Formensprache der Gotik. Im Jahr 1466 wurden Chor und Seitenschiffe eingewölbt. Am 13. und 14. August 1468 wurden die drei Altäre konsekriert. Der Architekt Meister Hansen verstarb am 10. Februar 1472 in München und wurde im südlichen Querschiff Rottenbuchs beigesetzt.

Fortführung der Bau- und Kirchenentwicklung

Als im selben Jahr wie Meister Hansen auch Propst Georg Neumair verstarb, folgte auf ihn Petrus Teikscher, der den Umbau der Stiftskirche zum Abschluß brachte. Am 27. Oktober 1477 konsekrierte Weihbischof Johannes von Freising die acht Altäre des Langhauses. 1478 erwarb der Propst eine große Glocke für den Turm, die bis 1804 in Funktion war. Teikscher erweiterte auch die Kirche des heiligen Ulrich für die Hofmarksleute. Es blieb aber nicht nur beim äußeren Kirchenbau, der Propst mühte sich auch um die innere Verfassung. Bischof Sixtus von Freising beauftragte 1478 den Archidiakon von Rottenbuch, mit dem Propst von Indersdorf die Augustinerchorherrenstifte des Bistums Freising zu visitieren. Am 24. März 1480 starb Petrus Teikscher eines frühen Todes.

Verwaltung, Ausstattung und päpstliche Bestätigungen

Sein Nachfolger Propst Johann Messerschmidt (1480-1497) sorgte für angemessene Ausstattung der kirchlichen Neubauten. Im Presbyterium der Klosterkirche ließ er ein Hochgrab für die Reliquien der heiligen Binosa, einer Gefährtin der heiligen Ursula, errichten. Beim Abbruch des gotischen Lettners im 17. Jahrhundert wurde allerdings auch dieses Hochgrab entfernt. Für Rottenbuchs Pfarrkirche St. Ulrich ließ der Propst 1484 von Meister Gabriel Maleßkircher einen Hochaltar machen. Derselbe faßte 1487 auch die schöne Madonna, die noch heute in Rottenbuch zu bewundern ist. Schließlich ließ Propst Johannes das Hospital erneuern und die St. Veits-Kapelle renovieren, die einen dritten Altar bekam.

Administrativ änderte sich unter Messerschmidt insofern etwas, als die Güter der Hofmarksuntertanten neu verpachtet wurden. Mit dieser Reform wurden 1486 weitere Salbücher angelegt, auch Güter zugekauft. Im Inneren des Konventes gab es Schwierigkeiten, da bei einer Visitation 1484 die Rückholung der Chorherren von den auswärtigen Pfarrstellen gefordert wurde, aber doch die Rechte des Klosters durch die Päpste Innozenz VIII. und Alexander VI. bestätigt wurden, vor allem die Berechtigung, Priester an den inkorporierten Pfarreien anzustellen. Hier ist die Urkunde Papst Alexanders VI. von 1492 von Bedeutung. Schließlich gab es noch Verbrüderungen mit Oberaltaich 1484, Bernried 1487, Dießen 1488 und St. Georg in Augsburg 1489.

Bibliothek, Humanismus und Übergang zur Renaissance

Die Bibliothek wurde durch die Schenkung kirchen- und zivilrechtlicher Codices durch einen Pfarrer Gogl erweitert, erhielt aber auch die Aesop-Fabeln von Aeneas Silvio Piccolomini und die Witze des Poggio Bracciolino, womit der Humanismus und die Renaissance Einzug in Rottenbuch hielten. Baulich hat die Renaissance an einer Stelle ihre Spuren hinterlassen, die ich Ihnen gleich verraten werde.

Heute am Johannesfest 2023 wollen wir die geschichtliche Betrachtung mit Propst Johann Messerschmidt beschließen, der 1497 resignierte und 1506 am Fest Mariä Verkündigung starb. Auf seinem Grabstein findet sich die Bemerkung „emeritissimus praepositus“ – herausragender Propst. Er lenkte die Geschicke Rottenbuchs 17 Jahre lang.

Angelangt in der frühen Neuzeit fällt unser Blick zum Abschluß noch einmal auf den Turm. Wir schauen hinauf, unser Blick geht über die beiden gotischen Fenster auf die Turmspitze mit ihrer markanten Zwiebel aus der Zeit des Klassizismus, darunter ein mächtiger horizontaler Zahnfries, der um das Jahr 1500 angebracht wurde (Bild 8). Das romanische Tympanon ist zwar übermalt, aber dieser Fries der Renaissance hat die Jahrhunderte überdauert.

In den letzten Jahren, besonders seit 2003, stand die Geschichte Rottenbuchs unter dem Vorzeichen der Aufhebung des Klosters. In diesen Ausführungen ging es um die Anfänge. Ohne Rottenbuchs Gründung hätten wir uns jetzt nicht hier eingefunden. Rottenbuch ist ein Ort, ein Raum, den Personen gefüllt haben und füllen. Das Christentum war 1073 zwar die bestimmende Religion, aber es bedurfte noch viel Arbeit, um es zu implementieren und weiterzugeben. Diese Aufgabe stellt sich der Kirche zu allen Zeiten und gerade heute wieder. Wie zu Beginn der Anfänge des Klosters Rottenbuch wird auch jetzt um die Wahrheit gerungen. Nehmen wir das Vermächtnis der früheren Chorherren, um weiter im Positiven an unserem geistlichen Haus zu bauen (Bild 9). Auch nach der Säkularisation wies und weist der Rottenbucher Kirchturm über das Land hin, wie auf dem Gemälde von Pischlach her aus dem Jahre 1840 zu sehen.

 Johann Pörnbacher

Textnachweis:
Dem Vortrag liegen die Ausführungen von Jakob Mois aus dem oben zitierten Band, „Das Stift Rottenbuch im Mittelalter“, S. 9-25, zugrunde.

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Die Pfarrkirche Mariä Geburt bleibt durch Unterstützung, Veranstaltungen und gemeinsames Engagement ein Ort gelebter Geschichte und Kultur.